Rime

Jamyang Kyentse WangpoDie Grundidee der tibetischen Rime-Tradition ist es, dass einem Schüler alle tibetischen Lehrtraditionen offenstehen und dass über die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Schule wie Gelug, Kagyu, Nyingma und Sakya hinaus gelehrt, gelernt und praktiziert werden kann und sollte.
Diese Tradition hat zwei Vorteile: Erstens bekommen die Schüler durch das Verständnis der Traditionen der verschiedenen Schulen eine erweiterte und damit tiefgründigere Perspektive der buddhistische Lehre. Außerdem enstehen durch diese Betrachtungsweise Wertschätzung und hoher Respekt gegenüber den Lehren anderer Schulen und als Folge die Befreiung von extrem negativem Karma, das aus einer diskriminierenden Sicht auf andere Schulen und Religionen ensteht.
Jamgön Kongtrül Lodrö ThayeZweitens vergrößern so gebildete Schüler die Harmonie zwischen verschiedenen Geistestraditionen und den tiefen Respekt anderen Lehrern gegenüber, welches die Wahrnehmung eines gemeinsamen tiefen inneren Friedens für alle Schulen und Religionen erhöht. Dies ist heutzutage auch gerade im Westen aktuell – nämlich aus den Fehlern der Vergangenheit und deren Folgen zu lernen und die innere Verbindung zwischen den verschiedenen Geistestraditionen zu betonen. Der Gedanke, die eigene Tradition sei besser als alle anderen, stärkt das persönliche Ego und steht deswegen in direktem Widerspruch zur Grundidee des Buddhismus und besonders des Mahayana-Buddhismus, dessen Ziel es gerade ist, ausnahmslos alle Lebewesen in den Zustand der vollständigen Befreiung zu versetzen.
Jemand, der solche diskriminierenden Ideen verfolgt, richtet sich deswegen direkt gegen die Essenz des Buddha selbst und erzeugt damit viele negativen Folgen. Diskriminierende Ideen haben einen eingeengten Geist zur Folge – das Ziel der Rime-Bewegung ist im Gegensatz dazu die völlige Öffnung des Geistes eines jeden Lebewesens. Für die Frage nach Harmonie zwischen allen Menschen und Religionen ist die Rime-Idee daher die beste Antwort.